Von Validität und Schockoladeneis
Geschrieben am 09.08.2010 | 1 Kommentar
Bei einer feierabendlichen Surfrunde stiess ich auf einen interessanten Artikel zum Thema Bedeutung der Validität in der modernen Webentwicklung. Das traf sich insofern gut, als dass mich dieses Thema in der letzten Zeit auch öfter beschäftigt hat. Also nicht nur dieses, sondern wie sich die Ansprüche an eine “moderne” Webseite in den letzten Jahren gewandelt haben. Als ich gestern auf der Suche nach uralten Photos Backup-CDs aus den letzten 12-13 Jahren durchgewühlt habe, stiess ich auch auf die ein oder anderen “Jugendsünde”. Nach einigem Haareraufen glich ich das Drama mal mit dem ab, mit dem man heutzutage im professionellen Umfeld zu tun hat. Ich war ja nun auch lange genug ein “Validitäts-Nazi”, der in der Boom-Phase des XTHML jedem, der es nicht hören wollte, von den Vorzügen modernen validen Webdesigns mittels XHTML und CSS zu überzeugen versuchte. XHTML und CSS haben den Krieg nun tatsächlich gewonnen (gegen Tabellenlayouts und IE5-IE6-only-kompatible Webseiten). Aber ist dadurch für den Webschaffenden irgend etwas besser geworden?
Ich denke nicht. Der Hinweis darauf, dass das, was man aktuell machen musste, zumindest leidlich valide ist (also aus Sicht der Standardwächter “sauberes” HTML etc.pp.), ist nichts weiter als des HTML-Arbeiters Frust-Schokoladeneis auf der Couch. Oder der gute Islay zum runterspülen des Arbeitstages, der zwar auch nichts besser macht, aber zumindest lecker ist. Oder vergleichbar mit einem “zumindest gabs keine Klatsche” nach einer hochverdienten 0:1 Niederlage der eigenen Fussballmannschaft.
Das Drama dabei ist aber, dass aus dem eigentlich ursprünglich guten (weil im positiven Sinne erzieherischem) Kampf gegen die Fehlermeldungen des W3c-Validators mittlerweile eine Bremse im Fortschritt der Webentwicklung geworden ist. Und die Frage nach valide – oder nicht valide – geht am Kern der aktuellen Problematik völlig vorbei. Dazu muss ich jetzt etwas weiter ausholen.
Als XHTML populär wurde, war der Hinweis auf die mangelhafte Validität vieler Seiten doch primär gegen das gerichtet, was sich als “best viewed with Internet Explorer” zusammenfassen lässt. Da wurde mit Microsoft-Only-Anweisungen um sich geworfen und ansonsten auf korrekten Code gepfiffen. Hauptsache der IE kam damit klar. Dass es auch noch andere Browser gab, die zumindest versuchten sich an die Standards zu halten, spielte für viele keine Rolle. Firefox und anderer sei Dank ist es nun ja mehr oder weniger gelungen mittlerweile anders rum zu arbeiten und das auch Kunden vermittelt zu bekommen: Zuerst wird eine standardkonforme Seite entwickelt, dann wird für die Krücken aus Redmond angepasst. So far so good. Wir haben gelernt: Webseiten nur für den Marktführerbrowser sind “TEH EVIL”. Das Böse waren früher in der guten alten Zeit (TM) aber beispielsweise auch JavaScript. Und Flash. Flash ist nun wieder böse. Bleibt JavaScript. Für mich als Dinosaurier in Sachen Web ist es nachwiezuvor befremdlich mittlerweile auch die kleinste Webvisitenkarte mit JavaScript aufzupimpen, weil das oft der schnellste Weg ist, um den Kunden zufrieden zu stellen. Vor 10 Jahren hat man noch alles getan, um die bösen, unsicheren und überhaupt verpönten JavaScript-Konstrukte (meist genutzt für tolle MouseOver-Effekte) durch das neumodische CSS zu ersetzen. Oft mit durchwachsenem Erfolg (woran meist der IE schuld hatte, aber geschenkt) – aber irgendwann klappte das dann doch recht gut und per JavaScript aufgepimpte Bedienelemente waren allgemein anerkannt “uncool”.
Der CSS-Wahn der frühen Jahre dieses Jahrzehnts ging dann aber sogar so weit, dass man auch dort Dinge durch CSS-Konstrukte ersetzte, wo es zunächst eher weniger Sinn machte. Tabellen-Layouts waren – wie erwähnt – “TEH EVIL” und was tat der aufrechte Kämpfer für valides Webdesign? Er ersetzte sogar Tabellen (Zahlen und Worte im Raster angeordnet, ihr wisst schon – sowas wie Excel, nur als Webseite) mit floatenden Container-Orgien. Warum? Weil es ging. Und weil Tabellen “TEH EVIL” waren. Genauso wie JavaScript. Framesets. Internet Explorer-Only-Anweisungen. Gerade neulich hab ich für einen Kunden mit einer populären Forensoftware zu tun gehabt, die in neue Templates gepresst werden musste – auch dort: Listen und Container, wo man Tabellen erwarten würde. Ich war mehr als irritiert – habe ich mich in den letzten Jahren doch eher zu einem pragmatischen “Für Tabellen kann man ruhig Tabellen nehmen”-Prediger gewandelt. Letztlich war das Ganze aber recht gut handlebar. Warum also nicht – die Vorzüge in Sachen Accessibility liegen ja auf der Hand. Dennoch kam ich hier mal wieder ins Nachdenken.
Was haben uns die letzten 10 Jahre gebracht in Sachen Webentwicklung? Einiges, gegen das man vor 10 Jahren gekämpft hat, ist zurecht immernoch verpönt, anderes ist untot zurück gekehrt. Dazu gabs die ein oder andere Blase, den Siegeszug von Flash über das Vehikel Online-Videos und die Abkehr von Flash, weil mittlerweile vieles auch über JavaScript und/oder HTML5-Vorboten geht und ein ausserordentlich erfolgreicher Smartphone-Anbieter Flash für “ieeehbähbäh” hält. Warum ist JavaScript nicht mehr böse? Nur weil es die handlebarere (Zugänglichkeit, Suchmaschinene, Fallbacks) Alternative zu Flash in vielen Bereichen ist? Weil es stellenweise ohnehin nicht mehr ohne geht? Oder genauer gesagt vielleicht, weil es die Alternative zu all dem ist, was uns die letzten Jahre nicht gebracht haben – wie Fortschritt zu Beispiel.
In mehreren Gremien wird wie auf einer Jahrestagung des Rosenzüchter-Weltverbandes um Minischritte in Sachen HTML- und CSS-Weiterentwicklung “gerungen” (Man binde ein Seil um zwei Ampeln und nenne das “Tauziehen”). Die gleichen Designer, die mit Hinweis auf die Validität vor 10 Jahren noch browserspezifische Anweisungen und Auszeichnungen gemieden haben wie das Packeis die Hölle, bauen jetzt heimlich -moz-border-radius und web-box-shadow in die Alphaversionen ihrer Webentwürfe ein, damit sie die Seite wenigens EIN EINZIGES MAL ohne durch für die Krücke Internet Explorer mittels verschachteltem Container-Wahnsinns verunstaltetem Code zu sehen zu bekommen. Da wird Zeit und Energie reingesteckt, eine Seite mit möglichst schlankem Code hübsch zu bekommen – obwohl jederzeit klar ist, dass man zumindest für den IE doch wieder auf HTML/CSS von anno 2000 zurückgreifen muss. Wozu dann der Sonderweg für modernde Browser, obwohl das nur zusätzliche Arbeit ohne jeden Nutzen ist? Weils geht. Weil man eben doch noch Kämpfer gegen die Windmühlen geblieben ist.
Wenn dann aber der Kunde gehört wurde und die Seite dann so aussieht, wie er sie haben will, dann werden die Fixes für den IE eingebaut. Und aus box-shadow werden tranparente PNGS in aufgeblähten und verschachtelten HTML-Konstrukten(immerhin gehen transparente PNGs ja mittlerweile) und aus runden Kanten noch mehr PNG in verschachtelten HTML-Konstrukten. Am Ende wirds durch den Validator gejagt und es heisst: “Gott sei dank, zumindest ist es valide.” Toll.
Hätte man vor Jahren konsequent auf den Output des W3C-Validators gepfiffen und moderne Lösungen genutzt, wo sie sich anbieten und den Höhlenmenschen der Webbevölkerung statt einer aufwändigen und optisch gleichwertigen Ersatzlösung eben einfach WENIGER Eyecandy angeboten, wären wir mittlerweile eventuell weiter. Aber derartiges könnten sich halt nur die ganz großen (Google etc.) oder die privaten Anbieter erlauben. Alle anderen benötigen die Nutzer rückständiger Browser halt zwingend für den Geschäftserfolg.
Letztlich wurde über das Geringe um validen Code und Tabellen- vs. CSS-Layouts und diese ganzen kleingeistigen Windmühlenkämpfe komplett der Fortschritt vergessen. Jetzt steht HTML5 und CSS3 am Horizont bereit und schon jetzt ist wieder klar, dass der kalte Browserkrieg halt immernoch nicht vorbei ist und die schöne neue verheissungsvolle Welt sowieso wieder an Redmond scheitern wird.
Was tut man also als Webschaffender in Sachen HTML und Design? Man klaut den Programmierern eines ihrer Spielzeuge und nutzt JavaScript zum aufpimpen. Sollen sich doch andere mit der Validität rumärgern.
Und wenn ich irgendwann mal viel Zeit habe, dann baue ich für meinen Blog ein schönes Layout mit allem, was moderne Browser so hergeben. Vielleicht gehts dann ja auch ohne -moz oder -webkit Präfixe, sondern auch valide. Nur muss einem das im Zweifel einfach egal sein.
Kommentare
Ein Kommentar zu “Von Validität und Schockoladeneis”
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15.10.2010 @ 14:02
Schöner artikel! Du sprichst mir aus der seele
bin schon ganz gespannt auf die aufgepimpte version Deines blogs!